Die Göttin Selket schützt das Gedärm
Bonn [ENA] Die Göttin Selket schützt das Gedärm. Schenkung an das Ägyptische Museum umfasst Kanopenkrug als bedeutendes Objekt zum Themenfeld Bestattung. Fünf Objekte, über zweitausend Jahre alt, übergibt der Kölner Michael Lange an das Ägyp-tische Museum der Universität Bonn. Über mehrere Stationen hinweg waren historisch in-teressante Objekte in die Familie und seine Hände gelangt, zuletzt über den Nachlass seines Vaters. Darunter befanden sich vor allem Werke weniger bekannter Künstler
des 20. Jahr-hunderts und auch jene fünf originalen Artefakte, die jetzt dem Ägyptischen Museum als Schenkung übergeben werden. Die Herkunft ist noch ungeklärt, weshalb das Ägyptische Museum hier eine Herausforderung für die Forschung sieht. Jetzt schon klar ist hingegen, dass ein Kanopenkrug, der einst mumifizierte innere Organe eines Menschen enthielt, die Sammlung des Ägyptischen Museums inhaltlich bedeutend ergänzt. „Wir erhalten zwei farbenprächtig dekorierte Sargfragmente und eine Anubis-Figur aus bemaltem Holz“, erklärt der Kurator des Ägyptischen Museums, Dr. Frank Förster, „die grob der Zeit von 664 v. Chr. bis 200 n. Chr. zugeordnet werden können, also aus der ägyptischen Spät- oder griechisch-römischen Zeit stammen.
Weiter freuen wir uns über die Schenkung einer Mumienmaske aus Leinen und Kartonage, ebenfalls aus dieser Zeit. Eine unerwartet bedeutende Schenkung ist ein hieroglyphisch beschriftetes, ziemlich schweres Kanopengefäß aus Kalzitalabaster, das zu Bestattungszwecken eingesetzt wurde und sehr wahrscheinlich aus der 26. Dynastie, also aus der Zeit von 664 bis 525 v. Chr., stammt“, schildert Förster. „Dieses Gefäß“, sagt Lange anlässlich der Übergabe im Museum, „gehörte wie die anderen Objekte zur Wohnungseinrichtung einer Freundin meines Vaters. Meine Frau und ich haben dem keine weitere Bedeutung beigemessen. Wir wollten jetzt sichergehen, dass die Dinge in fachkundige Hände gelangen.
Deshalb nahm ich Kontakt zum Ägyptischen Museum in Bonn auf.“ Darüber freut sich der Kurator sehr: „Der Kanopenkrug aus wunderschönem Kalzitalabaster ist für uns von besonderer Bedeutung“, erklärt Förster, „weil er eine Lücke in unserer Sammlung schließt. Zur Sammlung zählten nämlich bisher nur einige Deckel von Kanopenkrügen aus Ton oder Kalkstein, die typischerweise als Köpfe eines der vier sog. Horus-Söhne ausgestaltet worden waren. Hinzu kommt, dass das Objekt hervorragend erhalten ist, auch wenn hier der Deckel fehlt. Aufgrund der gut lesbaren, sorgfältig eingravierten hieroglyphischen Beschriftung,
die auch den Namen des Verstorbenen nennt, lässt sich der Deckel in seinem figürlichen Aussehen aber rekonstruieren“, erläutert Förster. „Wir wissen, dass zu einer solch vornehmen Grablegung drei weitere Kanopengefäße gehörten. Jedes enthielt bestimmte innere Organe des oder der Toten, die separat einbalsamiert und in eben solchen Krügen bestattet wurden. Jedes Organ stand dabei unter dem besonderen Schutz einer bestimmten Göttin, in unserem Fall Selket, die in der Regel für das Gedärm zuständig war. Der betreffende Horus-Sohn war Kebehsenuef, der ebenso wie Selket in der Inschrift genannt ist und üblicherweise mit einem Falkenkopf dargestellt wurde.
So lässt sich der ursprüngliche Deckel mit einiger Sicherheit in seiner Gestalt rekonstruieren, da man angesichts der hohen Qualität des Stückes einen einfachen, also undekorierten Deckel wohl ausschließen darf.“ - Studentisches Projekt in Planung zur Erstellung der fehlenden Deckel - Die drei anderen Kanopenkrüge gehören nicht zum Nachlass, den Michael Lange übergeben hat, aber Kurator Förster hat schon eine Idee: „Wir planen ein studentisches Projekt in Kooperation mit dem Bonn Center for Digital Humanties (BCDH), um den fehlenden Deckel sowie die drei anderen Gefäße inklusive ihrer variierenden Inschriften und jeweiligen Deckel als 3D-Drucke zweieinhalbtausend Jahre später wieder auferstehen zu lassen und
dann das vollständige Ensemble in unserer großen Vitrine zum Thema Bestattung präsentieren zu können. Dort befinden sich unter anderem schon mehrere hölzerne Särge sowie ein Eingeweidekasten.“ Darüber hinaus gibt gerade dieser Neuzugang, so Förster, „auch Anlass, sich interdisziplinär mit bestimmten Aspekten der Jenseits- und Totenvorstellungen der Alten Ägypter näher zu befassen. Denn obwohl Mumifizierung, Bestattungsbräuche, Totenkult usw. schon lange faszinieren und eingehend studiert wurden, erscheint mir das Thema wissenschaftlich keineswegs ausgereizt. Insbesondere betrifft dies die konzeptionellen Grundlagen, etwa die Frage nach der körperlichen Unversehrtheit eines Verstorbenen für das Weiterleben im Jenseits und
wer oder was er dann eigentlich genau ist.“ Als allererstes hat Förster bereits die hieroglyphische Inschrift auf dem Kanopenkrug erfasst und übersetzt: „(Die Göttin) Selket spricht: ‚Für deinen Ka (eine Art Lebenskraft des Verstorbenen). Ich lasse meinen Schutz umgehen jeden Tag, indem ich die Beschützung des (Horus-Sohnes und Schutzgottes) Kebehsenuef, der in mir ist, ausführe. Der Schutz des Osiris Hetep-Bastet (Name des Verstorbenen), des Gerechtfertigten, ist der Schutz des Kebehsenuef. Der Osiris Hetep-Bastet ist Kebehsenuef.’“
- Gleichstellung auch mit Osiris - Der Kurator erklärt: „Der Verstorbene wird, zumindest in dieser Zeit der 26. Dynastie, offenbar mit dem entsprechenden Körperteil im Kanopenkrug und auch mit dem betreffenden Schutzgott gleichgesetzt: Hetep-Bastet ist das Gedärm, und er ist Kebehsenuef, also sein eigener Schutz. Die Göttin Selket wiederum schützt Kebehsenuef, der ‚in ihr’ ist, der also konkret das Gedärm im Krug ist, der wiederum mit Selket gleichgesetzt wird. Es ist ganz ähnlich wie in der modernen DNA-Forschung", erklärt Förster weiter, "in der ein Haar oder eine Hautschuppe pars pro toto für den ganzen Menschen steht,
weil dort alle genetischen Informationen gespeichert sind. Dieser mikroskopischen Sicht lässt sich auch noch eine makroskopische gegenüberstellen: Denn der Verstorbene wird zudem mit Osiris gleichgesetzt, dem Herrscher der Unterwelt und mythischen Verstorbenen par excellence. Dem Mythos nach ist Osiris als König Ägyptens von seinem neidischen Bruder Seth ermordet, in 42 Teile zerstückelt und so über das ganze Land verteilt worden, bevor seine zauberkundige Gemahlin Isis die Leichenteile wieder zusammenfügte und posthum mit ihm Horus zeugte, seinen Nachfolger als irdischer Herrscher.“
Wichtige Themen, so Förster, “über die kann man trefflich diskutieren und philosophieren kann: Gibt es ähnliche Phänomene auch in anderen Kulturen? Werden auch dort bestimmte Körperteile nach dem Tod separiert, nicht nur als Teil des Verstorbenen, sondern als er selbst oder als eine eigenständige Form seiner selbst? Und wenn ja, warum diese und nicht andere? Und warum werden diese Körperteile nicht wieder vereint?“ Herr Lange sieht, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat, als er beschloss, diese Objekte dem Ägyptischen Museum der Universität zu schenken. Ob er sie vermissen wird? „Nein. Ich weiß ja, wo ich sie besuchen kann“, sagt Lange, „und ich weiß die Sachen sowohl in guten Händen als auch in guter Gesellschaft.“




















































