Frantz Fanon - Zum 100. Geburtsjahr
Frankfurt am Main [ENA] Frantz Fanon (1925 - 1961) gilt als Vordenker der Entkolonisierung. Er wurde vor 100 Jahren geboren. Zum 100. Geburtsjahr möchte ich an seine Verdienste erinnern und auf die Aktualität seiner Thesen hinweisen. Speziell seine Studien zur Psychopathologie der Unterdrückung machten ihn berühmt.
Fanon wurde in Fort-de-France auf der karibischen Insel Martinique am 20. Juli 1925 geboren. Er ging im Jahr 1942 mit 17 Jahren in die französische Armee. Danach studierte er Medizin, Philosophie und Psychologie in Lyon. Er war Leiter des Krankenhauses für Psychiatrie in Blida in Algerien. 1957 wurde er aus Algerien, das bis 1962 eine Kolonie Frankreichs gewesen ist, ausgewiesen. Er ließ sich in Tunis nieder. Fanon war während des Algerienkriegs Botschafter der Provisorischen Regierung der Algerischen Republik (GPRA) in Ghana. Die GPRA war das Regierungsorgan der Algerischen Nationalen Befreiungsfront (FLN) während des Kampfes um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich.
Er starb bereits mit 35 Jahren an Leukämie. Seine zwei Hauptwerke sind: Peau noire, masques blancs (Schwarze Haut, weiße Masken), 1952 und Les damnés de la terre (Die Verdammten dieser Erde), 1961. Fanon gilt als Vordenker der Entkolonisierung. Seine Thesen basieren auf seinen unmittelbaren Erfahrungen mit Rassismus und Kolonialismus. Er analysierte die psychologischen und soziologischen Dimensionen der Unterdrückung. Die aus der erlebten Ungerechtigkeit geborene Wut versucht er zu entmystifizieren, zu verstehen und auszusprechen Die Wut äußert sich im antirassistischen und antikolonialistischen Kampf in Gewalt. Der Algerienkrieg (1954 bis 1962) war ein grausamer Krieg, der mehr als eine Million Algerier*innen das Leben gekostet hat.
Jean Paul Sartre schrieb das Vorwort zu „Die Verdammten dieser Erde, 1961. Darin weist er auf die aufklärerische und emanzipatorische Wirkung des Buches von Frantz Fanon hin: “warum werfen wir das Buch dann nicht aus dem Fenster? Warum sollen wir es lesen, wenn es gar nicht für uns geschrieben ist? Aus zwei Gründen: der erste ist, dass Fanon seinen Brüdern erklärt und für sie den Mechanismus unserer Entfremdungen darlegt. Profitiert davon, um euch selbst als Gegenstände zu erkennen! Unsere Opfer kennen uns durch ihre Wunden und ihre Ketten: das macht ihr Zeugnis unwiderlegbar. Es genügt, dass sie uns zeigen, was wir aus ihnen gemacht haben, um zu erkennen, was wir aus uns gemacht haben” (Fanon, Die Verdammten dieser Erde, 1961, S. 22).
Fanon fragt nach der Ursache und der Folge von Gewalt, die erst gegen die Einheimischen, dann gegen die Kolonialherren gerichtet wird. „Wie kommt es, dass [der Kolonisator] seine eigene Grausamkeit als Kolonialist nicht in der Grausamkeit dieser unterdrückten Bauern sehen kann, die sie mit jeder Pore in sich aufgesogen haben und für die sie kein Heilmittel finden können?” (Fanon, Die Verdammten dieser Erde,1961, S. 25). Die individuellen Gefühle von Rassismus, er fühlt sich gedemütigt, verachtet und abgelehnt, erfährt Fanon als er in Algerien als Schwarzer als Arzt praktizierte.
“Ich komme langsam in die Welt, daran gewöhnt, nicht mehr auf das Auftauchen zu hoffen. Ich schleiche mich heran. Schon sezieren mich die weißen Blicke, die einzigen echten. Ich bin fixiert. Nachdem sie ihr Mikrotom eingestellt haben, lesen sie objektiv Schnitte meiner Realität. Ich bin verraten. Ich spüre, ich sehe in diesen weißen Blicken, dass hier kein neuer Mensch hereinkommt, sondern eine neue Art von Mensch, eine neue Gattung. Ein N* eben!“ (Fanon, Schwarze Haut, weiße Masken, 1952, S. 113).
Er studierte Medizin in Lyon und arbeitete im psychiatrischen Krankenhaus Saint-Alban südwestlich von Lyon. Nebenher hörte er Vorlesungen in Philosophie, Soziologie und Anthropologie. Später entwickelte er die institutionelle Therapie, die er in Algerien anwendete. In seiner Untersuchung beobachtet er die kollektive und soziale Dimension psychischer Erkrankungen. Fanon sah die psychischen Zustände seiner Patienten*innen in ihren individuellen, sozialen, ökonomischen und politischen Kontexten. Die koloniale Situation und der erlebte Rassismus in dem alltäglichen Leben wurden als die Ursache der Krankheit erkannt. Dazu hat Fanon viele Aufzeichnungen von Patienten gemacht, die belegen, wie die erlebte Unterdrückung das Krankheitsbild prägt.
Diese gesellschaftlichen Kontexte sind pathologisch und bilden die Faktoren der Entfremdung. Fanon ist nicht essentialistisch. Für ihn wird das Sein im Sozialen, in der Beziehung bestimmt und nicht durch feste Zuschreibungen der anderen Menschen mit all ihren Vorurteilen. Das Selbstbewusstsein entsteht in dem Dreiklang: die Erfahrung des rassifizierten Zustands, das Bewusstsein für diesen Zustand und das Handeln als Aktivist, um den Rassismus abzuschaffen.
Gegenüber dem schwierigen Umgang mit der Gewalt äußerte sich Fanon über seine Gefühle: „Ein Gefühl der Unterlegenheit? Nein, ein Gefühl der Nicht-Existenz. Die Sünde ist schwarz, so wie die Tugend weiß ist. All diese Weißen, die sich mit Revolvern in den Händen versammelt haben, können nicht im Unrecht sein. Ich bin schuldig. Ich weiß nicht wofür, aber ich fühle, dass ich ein Elender bin (un miserable)“ (Schwarze Haut, weiße Masken, 1952, S. 135). Literatur: Peau noire, masques blancs, 1952, Ausgabe vom 9. April 2015, Autor: Frantz Fanon; Les damnés de la terre, 1961, Preface de Jean-Paul Sartre (1961). Preface d' Alice Cherki et postface de Mohammed Harbi (2002); Verlag: La Découverte; 30. August 2004, Autor: Frantz Fanon;




















































