Dienstag, 18.08.2026 20:35 Uhr

Sklaven in Paris

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 18.08.2026, 17:11 Uhr
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Links: Buch, rechts: Statue von Louis XIV in Paris, Place des Victoires
Links: Buch, rechts: Statue von Louis XIV in Paris, Place des Victoires  Bild: Kurt Lehberger, Fotomontage

Frankfurt am Main [ENA] In den Jahren 1750 bis 1789 galt Paris als die Stadt der Freiheit. Das traf aber nicht für die Sklaven in Paris zu, die mit ihren Herren aus den Kolonien kamen. Den Gesetzen des absolutistischen Regimes, der Admiralität von Frankreich, standen die Kolonialgesetze (Code Noir) gegenüber.

In Paris kümmerte man sich nicht um die Ausübung der Sklavengesetze, die den Sklavenbesitzern gewaltsame Bestrafungen gegenüber den Sklaven zugestand. Das koloniale Eigentum wurde geschützt. Ein Sklave in den Kolonien war auch ein Sklave in Paris. Der Ortswechsel spielte für den Status keine Rolle. Entflohene Sklaven wurden in Paris verhaftet, eingesperrt und gewaltsam „abgeschoben“, d.h. in die Kolonien zurückgebracht. Die Razia fand meistens in der Nacht statt. Das Preisschild an Menschen, die verkauft, verschenkt, vererbt und über die gestritten wurde, verletzt das Menschenrecht. Der Sklave war entmenschlicht, eine „Non-Person“, namenlos, nur ein verkäufliches Werkzeug.

Wenn ein Sklave entflohen war, galt er als „killable Nonperson“ – eine Person ohne rechtlichen Status, die getötet werden darf. Die Sklaven von Paris hatten keine Stimme. Biografien liegen nicht vor. In Paris gab es keine Abschaffungsbewegung gegen die Sklaverei wie in anderen Ländern, z.B. in Großbritanien wurde das britischen Sklavenhandelsverbot 1807 beschlossen. Die erste Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien wurde während der Revolution im Jahr 1794 erkämpft, 1802 von Napoleon widerrufen. Die endgültige Abschaffung der Sklaverei in Frankreich und seinen Kolonien wurde 1848 besiegelt. König Ludwig X. dekretierte im Jahr 1315, dass jeder Sklave, der französischen Boden betritt, die Freiheit erlangt.

Die Sklaverei in den französischen Übersee-Territorien bestand bis 1848. Die fünf Sklaven*innen, die in dem Buch „Slaves in Paris“ von Miranda Spieler beschrieben werden, kamen aus West Afrika, den französischen Antillen, Mauritius, Mascarenes Inseln bei Madagascar, Réunion, Saint Domingue (das heutige Haiti) nach Paris. Der Code Noir (1685), das von König Ludwig XIV. erlassene „Schwarze Gesetzbuch“, legalisierte die koloniale Sklaverei. Es degradierte Menschen juristisch zu „beweglicher Ware“.

In Paris lebten Sklaven*innen mitten unter den Franzosen und konnten eine Art „Gegen-Narrativ“ in die Welt setzen. Sie konnten sich frei bewegen, berichteten ihre Geschichte an die Presse. Unter Denis Diderots Leitung wurden 1765 der bahnbrechende Artikel „Traite des nègre“ (Sklavenhandel) von Louis de Jaucourt veröffentlicht, der die Sklaverei verurteilte. Denis Diderot, ein Schriftsteller der Aufklärung, setzte sich für Sklaven ein. In seinem Buch „Histoire des deux Indes" lehnte er die Sklaverei ab und verurteilte sie als fundamentalen Verstoß gegen das Naturrecht.

Die soziale Ungleichheit spiegelt sich in den historischen Dokumenten wider. Nahezu alle Pariser, die Hausangestellte aus den Kolonien hatten, sind mit Kolonien und der Sklavenhaltung verbunden. Das koloniale Paris ist ein komplexes Netzwerk von Bankern, Sklavenhändlern, Plantagenbesitzern, Ministern, Politikern, Soldaten u.a. Denis Diderot sah Paris in der rechtlichen Grauzone, in der versklavte Menschen lebten. Die Kolonialgesetze (Code Noir) sollten in Paris nicht gelten. Doch die Sklavenhalter behandelten ihre Bediensteten wie ihr Eigentum.

Am Ende des Siebenjährige Krieg (1756 – 1763) wurden die meisten französischen Kolonien an Großbritannien abgetreten. Die französischen Plantagenbesitzer und Sklavenhändler migrierten nach Paris. Hier legten sie ihr Vermögen an. Sie brachten ihre Sklaven mit nach Paris. Die Geschichte von Pauline, der Sklavin von Jean-Baptiste Charles Bouvet de Lozier (ab hier: Bouvet genannt) wird nachfolgend dargestellt. Die Petition von Pauline an die Admiralty im Januar 1765 war in der Ich-Form geschrieben. Ihre Erzählung handelte von Flucht, Gefangenschaft, Verstecken und brachte viel Mitgefühl bei den Leser*innen hervor.

Der Anwalt Denis Durouzeau berief sich nicht auf die Maxime von Ludwig X.: „Es gibt keine Sklaven in Frankreich!“, sondern beschuldigte Bouvet des Diebstahls von 12.000 livres (umgerechnet ca. 135.000 Euro) von Pauline, einer indischen Geschäftsfrau. Pauline war die Sklavin von Bouvet, des Ex-Gouverneurs der Ile de France (heute: Mauritius, Name stammt von Maurice, dem Prinzen von Nassau (1567 – 1625)). 1721 wurde die Insel an die Französische Ostindien-Handelsgesellschaft mit eigener Gerichtsbarkeit übergeben. 1738 waren ca. 1.400 Sklaven bei der Französische Ostindien-Gesellschahft beschäftigt, die Hälfte davon waren Sklaven aus Senegal.

Bouvet sah in dem Code Noir ein Gesetz, das in allen französischen Gebieten gültig sei. Der Code Noir verbot es den Sklaven, Eigentum zu haben oder sich die Freiheit zu erkaufen. Das war ungleich wie im antiken Rom, wo Gelder in Treuhand des Herren angelegt wurden, um diese z.B. bei Tod des Herren an den Sklaven (Peculium) zu übertragen. Der Prozess Pauline gegen Bouvet ist dokumentiert in den sogenannten „Bastille Schriften“, in Gerichtsaufzeichnungen und in Polizeiberichten. Pauline erreichte Unterstützung bei den schwarzen Hausangestellten und selbst bei den Adeligen, auch wenn deren Reichtum von der Sklaverei in den Kolonien abhängig war.

Der Sklavenhandel begann 1723. Pauline wurde 1726 auf der Insel Mauritius (Ile de France), in der Nähe von Madagaskar geboren. An 1750 war sie versklavte Hausangestellte bei der Familie Bouvet. 1763 floh sie in Paris aus dem Haushalt des Herrn Bouvet. Port Louis, der Hafen und Sklavenmarkt auf Mauritius (Ile de France) war hauptsächlich mit Seeleuten aus Indien bewohnt. Hindus, Moslime und Katholiken lebten miteinander. Die katholischen Prieser konnten sich kaum mit den Einheimischen oder mit den Indern verständigen. Im Zentrum der Gesellschaft stand der Sklavenhandel. Die Sklaven wurden in der Regel nicht getauft, hatten daher auch keinen Namen und wurden nicht registriert.

Pauline erhielt ihren Namen von ihrer Sklavenhalterin, der Ehefrau des Gouverneurs Bouvet, Pauline Bouvet, geborene David. Den Namen erhielt sie erst als sie 20 Jahre alt war, als sie getauft wurde. Nachdem Pauline in Paris 1765 die Freiheit erhalten hatte, kehrte sie in ihre Heimat als vermutlich blinder Passagier zurück, auf die Ile de France, Mauritius. Pauline arbeitete als Schneiderin. Kleider herstellen war die einzige Berufsausübung, die den versklavten Frauen blieb. Die ganze Geschichte um Pauline kann man nur verstehen, wenn der Sklavenhalter Bouvet näher beleuchtet wird. Bouvet heiratete 1750 Pauline David, die schon 1757 verstarb. Bouvet war 13 Jahre Gouverneure von den Inseln Ile de France und der Insel Bourbon, Réunion.

Bouvet war Vorgesetzter von über tausend Menschen in der französischen Ostindischen Handelsgesellschaft. Er tat alles, dass Pauline nicht freikam. Er wollte sie zerstören. „Bouvet was willing to pay to destroy Pauline.“ S. 57. Der Code Noir erlaubte die Sklaven zu bestrafen, z.B. durch Peitschenhiebe. Entflohene Sklaven wurden wie Tiere gejagt. Sie waren in den Augen der Kolonialisten keine Menschen. Furchtbare Szenen waren üblich. Vor der Kirche wurden abgeschlagene Hände und Köpfe der entflohenen Sklaven ausgestellt. Nach der Messe wurden an gleicher Stelle die Sklaven gehandelt und verkauft.

Die Strafen für entflohene Sklaven waren festlegt. Nach einem Monat auf der Flucht wurden ihnen ein Ohr abgeschnitten, nach drei Monaten Flucht wurden sie zum Töten freigegeben. Belohnungen von 30 bis 200 livres wurden für den Aufgriff eines Sklaven gezahlt. Die Renovierung von Regierungsgebäuden bezahlte Bouvet in Sklaven. Sklaven waren wie eine Währung. Bouvet ließ ganze Dörfer auf den Inseln zerstören, um einheimische Menschen, sogenannte Marrons, umzubringen oder zu versklaven. Bouvet bezahlte das Töten von entflohenen Sklaven mit Sklaven aus der Ostindischen Handelsgesellschaft.

Bouvet wandte sich 1764 an die Polizei, um Pauline in Paris zu verhaften. Pauline wurde für zwölf Tage im Das Hôpital de la Salpêtrière in Paris, festgehalten. Am 15. Dezember 1765 verließ sie das Gefängnis. Bouvet wollte sie am nächsten Tag nach Mauritius einschiffen. Sie wurde gewarnt und entzog sich der Überfahrt noch am Vorabend. Sie ging in den Untergrund. Ihr neuer Zufluchtsort war das Hôtel de Toulouse am Place des Victoires, im Zentrum von Paris. Das Hôtel de Toulouse ist ein Stadtpalast mit einer enormen Größe. Seit 1808 ist der Ort Sitz der französischen Nationalbank. Der Palast gehörte zur Zeit Paulines dem Herzog von Penthièvre, Louis Jean Marie de Bourbon, ein Nachfahre von Louis XIV.

Die Polizei führte eine Razia im Palast durch, um Pauline zu verhaften. Vergeblich. Hausangestellte und Mitglieder der High Society schützten Pauline und sie wurde nicht gefunden. Unter den Unterstützer*innen war Luce Diancra. Sie verließ mit 16 Jahren als Sklave Saint-Domingue (heute: Haiti). Sie war freie Hausangestellte, Revolutionärin und Sprecherin der Skalven von Paris. Durch sie bekam Pauline Zugang zum Palast, wo sie selbst wohnte. Luce unterschrieb die Petition des Anwalts de Joly für Menschenrechte für farbige Menschen (people of color) 1789 im Jahr der Französischen Revolution. Sie galt als „Grand Dame“ der Sklavinnen und Sklaven. Die Victomtesse de Castellane unterstützte die entflohenen Sklaven und lebte ebenso im Palast.

Ihre Familie war eine der ältesten und angesehensten Adelsfamilien Frankreichs und lebte von der Sklavenhaltung. Die Familie besaß Tausende von Sklaven, die in den Plantagen arbeiteten. Ökonomisch war sie abhängig von der Sklaverei, aber moralisch standen viele Familienmitglieder wie die Victomtesse de Castellane zu den Sklaven in Paris, so z.B. zu Pauline. Die Konvergenz des kolonialen Reichtums und der „Aufklärung“ in der Gesellschaft trat offen zutage. In Paris gab es Salons, von den Adeligen organsierte Zusammenkünfte, bei denen diskutiert wurde oder Künstler und Schriftsteller auftreten konnten. In Frankreich waren nur 210 Familien vermögend, d.h. sie hatten ein Einkommen von jährlich über 50.000 livres.

Einen berühmten Salon unterhielt Madam Louise d’Epinary (1726 -1783). Sie entstammte dem Sklavenbesitzer Milieu und korrespondierte mit den Intellektuellen der Aufklärung Jean-Jacques Rousseau, Denis Diderot und Voltaire. Eine von Bouvet geplante und von der Pariser Polizei unter der Leitung von Muron durchgeführte Entführung von Pauline aus dem Stadtpalast Hôtel de Toulouse scheiterte in letzter Minute. Pauline saß schon in der Kutsche, die sie ins Gefängnis bringen sollte, als sie gewarnt wurde.

In der Obrigkeit herrschte schon eine gewisse Angst vor Aufruhr und Umsturz. Arbeiter legten die Arbeit nieder, Tausende von Hausangestellten und Menschen aus nicht-adeligen Familien bevölkerten die Straßen am Place des Victoires. Eine Entführung in der aufmerksamen Öffentlichkeit war nicht einfach. Der Haftbefehl für Pauline traf am 1.7.1765 ein. Er wurde aber willentlich verzögert. Die Verzögerung ermöglichte dem Admiralty Gericht den Fall Pauline zugunsten der Klägerin gegen Bouvet zu entscheiden und sie als frei zu erklären.

Zum Bild auf der Medaille: es zeigt die Statue von Louis XIV in Paris, Place des Victoires. Oben auf der Säule steht Lous XIV. Unten an der Säule sind die Sklaven in Ketten liegend erkennbar. Die Statue wurde 1792 zerstört. / . Quelle: Slaves in Paris: Hidden Lives and Fugitive Histories (Sklaven in Paris: Verborgene Leben und Geschichten von Flüchtlingen), englisch Ausgabe von Miranda Spieler, Harvard University Press, 11. Juli 2025. Miranda Spieler ist Professorin für Geschichte und Politik an der American University of Paris.

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